Sprachgestaltung 2016-10-31T12:38:30+00:00

Sprachgestaltung

Zur Geschichte der Sprachgestaltung

Die Kunst der Sprachgestaltung wurde inauguriert von Marie Steiner in Verbindung mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie. Marie Steiner war, in Petersburg und an der Comédie Française in Paris ausgebildet, auf der Höhe der damaligen Sprachkunst. Um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert war diese Sprachkunst jedoch bereits im Niedergang und wurde vom Naturalismus abgelöst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Marie Steiner engste Mitarbeiterin Rudolf Steiners und seine esoterische Schülerin. Ihre Sprachkunst erfuhr eine entscheidende Erweiterung durch die geisteswissenschaftlichen Hintergründe der Sprache: „Marie von Sivers stand in der Kunst der Wortgestaltung drinnen. […]

Anthroposophie, aber auch dichterische und rezitatorische Kunst gemeinsam zu pflegen, war uns bald Lebensinhalt geworden. – Das Wort verliert seine Eigengeltung; die Schönheit, das Leuchten des Vokals, das Charakteristische des Konsonanten verliert sich aus der Sprache. Man braucht einen, an der Geisteinsicht in das Geheimnis der Sprachentwicklung entzündeten Enthusiasmus, um das Wort in sein Gebiet der Kunst zurück zuführen. Marie von Sivers entfaltete diesen Enthusiasmus.“ (aus Mein Lebensgang, R.S.) – „Aus dem anthroposophischen Impuls heraus die Brücke zu schlagen vom Geist in die Materie, entstand die Eurythmie, wurde die Sprachgestaltung ausgebildet. – So sehen Sie den wahren inneren Anfang des Eurythmischen und was als Kunst der Sprachgestaltung geübt wird, als einen Initiatenimpuls, und auch im Kurs über Dramatische Kunst wird versucht werden, die Schauspielkunst wieder zurückzuführen darauf, dass auf der Bühne Geistiges sein wird.“ (aus GA 243)

Marie Steiner nahm sich ab 1914 intensiv als Sprecherin der neuen eurythmischen Bewegungskunst an und entwickelte an ihr und mit ihr die eigentliche Sprachgestaltung. Aus diesen Keimen entstand im Laufe der Jahre ein festes Ensemble für Schauspiel und Rezitation, welches ab 1928 seine Hochblüte erlebte an der Bühne des zweiten Goetheanum in Dornach.

Inzwischen ist Sprachgestaltung weit über die eigentliche Bühnenkunst hinaus gewachsen und hat sich als künstlerischer Unterricht in der Pädagogik und Erwachsenenbildung, als Kunst-Therapie in der Heilpädagogik und medizinischen Zentren, sowie im Bereich der Kommunikation weiter entwickelt und bewährt.

Zur Geschichte der Therapeutisch-Pädagogischen Sprachgestaltung

Die therapeutische Anwendung der Sprachgestaltung hat nachweislich 1930 in Arlesheim begonnen durch die Zusammenarbeit der Sprachgestalterin Martha Hemsoth mit Ita Wegman. Wie Dr. van Deventer mitteilte, begegnete Martha Hemsoth gegen Ende der zwanziger Jahre Ita Wegman. Sie war von Beruf Opernsängerin und fasste den Entschluss Sprachgestalterin zu werden. Anfang der dreissiger Jahre nahm sie ihre Arbeit in der Ita Wegman-Klinik auf und arbeitete bis zu ihrem tragischen Tod 1936 mit Patienten und auch mit Ita Wegman selber.  Nach diesem Schicksalsschlag ruhte die Arbeit mit der therapeutischen Sprachgestaltung in der Klinik für lange Zeit. (siehe 2. Band „Wer war Ita Wegman, J.E. Zeylmans v. Emmichoven) […]

Bis zum Jahr 1976 gab es nur einzelne Persönlichkeiten, die sprachthera­peutisch tätig waren: Ina Krediet, Simone Gétaz, Gertrud Maliga, Ilse Schuckmann, Ingeborg Mau, Christa Slezak-Schindler, Ursula Herberg und Dora Gutbrod. Sie arbeiteten unabhängig voneinander, aber mit Ärzten zusammen, und legten so den Grundstein in verschiedenen Anwendungsbereichen.

Ingeborg Mau arbeitete über dreissig Jahre in der Friedrich Husemann-Klinik in Buchenbach und setzte dadurch mit ihrer Arbeit den eigentlichen Massstab für uns Anfänger.

Dora Gutbrod, 60 Jahre lang Sprecherin und Schauspielerin am Goetheanum und Schülerin Marie Steiners, hatte die Initiative, aus der künstlerischen Sprachgestaltung heraus eine therapeutische Sprachgestaltung zu bilden; durch enge Freundschaft mit Madeleine van Deventer, Leiterin der Ita Wegman Klinik, verbunden, besprach sie mit ihr diesen Impuls,. Sie behandelte viele Patienten in der Ita Wegman-Klinik und erzielte erstaunliche Wirkungen mit der Sprache. So kam es zu einer weiteren Initiative: Sie scharte ihre Kollegen um sich, bat Ärzte hinzu, und es entstand 1974 eine  Initiativ-Tagung am Goetheanum mit Ärzten und Sprachgestaltern. 1976 fand eine nächste Tagung statt- getragen von einer Begeisterungswelle für die neue Idee.

Grosse Arztpersönlichkeiten haben uns Sprachgestalter damals weiter gebildet. Warum spricht ein Kind nicht? Diese immer wieder gestellte Frage hat uns Dr. von Armin beantwortet, indem er uns in der Heilpädagogik in die Zusammenhänge zwischen Bewegung, Wahrnehmung, Verstehen und Schicksal des betroffenen Kindes einführte.

Dr. Gisbert Husemann stellte uns in grandioser Weise die Metamorphosen der Kehlkopfbildung, der Sprechwerkzeuge sowie des gesamten Sprachorganismus dar.

Dr. Rudolf Treichler führte uns in die Arbeit mit psychiatrischen Patienten ein, zusammen mit Ingeborg Mau: die Ätherorganisation der Organe in Beziehung zu psychopathologischen Seelenzuständen. Eine Reihe von Ärzten aus der Friedrich Husemann-Klinik stellte uns konkrete Krankheits­bilder vor.

Aber auch Ärzte wie Dr. Gotthard Starke, Dr. Frits Wilmar, Dr. Paul von der Heide, Dr. Madeleine van Deventer, Dr. Friedrich Lorenz, Dr. Albert Gessler u.a. waren an den kontinuierlichen Fortbildungen beteiligt. Durch ihr persönliches Interesse an der Sprachgestaltung, durch ihr eigenes Erüben der Sprache war ein unmittelbarer Bezug gegeben. Es entstanden Protokolle der Tagungen und Aufsätze zu den verschiedenen Aufgaben des Sprachgestalters in Schulen, Heimen und in freier Praxis.

1976 bot Dora Gutbrod eine Zusatzausbildung in Sprachtherapie für ausgebildete Sprachgestalter an, die auf wenig Interesse stiess. Die Ausbildung in Sprachgestaltung lebte damals noch ganz für die Bühnen­kunst. Bedingt jedoch durch die vielfältigen Aufgaben, die die jungen Sprachgestalter im sozialen Arbeitsbereich erwarteten, stieg das Interesse an der Sprachtherapie zusehends. Nachdem die Entwicklung am Goetheanum es mit sich brachte, dass 1979 die Schule für Sprachgestal­tung sich deutlich auf das Schauspiel ausrichtete, nahm dies Dora Gutbrod zum Anlass, eine Ausbildung in Sprachgestaltung mit sprachtherapeutischer Weiterbildung innerhalb der Schule für Sprachgestaltung und Schauspiel am Goetheanum zu begründen. Die ganze übrige Ausbil­dungssituation öffnete und erweiterte innerhalb kurzer Zeit ihr Interesse zur Sprachtherapie hin. Als 1989 Dora Gutbrod starb, begründete ich nach meiner damals 10-jährigen Mitarbeit in ihrer Ausbildung die Dora Gutbrod Schule für Sprachkunst und Sprachtherapie. Mit Dietrich von Bonin konnte ich einen Mitarbeiter gewinnen, der seine ganze Kraft der fachgemässen Ausbildung und Entwicklung der Therapeutischen Sprachgestaltung bis auf den heutigen Tag widmete.

Was früher die grossartigen künstlerischen Pionierleistungen der Sprachgestalter waren, aus denen auch das Schauspiel hervorging, wird in der Zukunft in den persönlichen Erlebnissen einzelner Menschen mit der Sprache auferstehen. Die Sprache gibt den Menschen das Bewusstsein ihrer selbst, sie weckt den Selbstheilungsprozess, stärkt den Willen zum Leben und zur eigenen Lebensgestaltung.